Current Exhibition

STREAMER
mit
Sebastian Neubauer, Daniel Vier und Svenja Wassill
24. Februar bis 11. April 2020

Aufgrund der aktuellen Lage – die Geschäfte und damit auch die Galerie bleiben geschlossen – haben wir für diese Ausstellung eine eigene Seite erstellt, auf der im Blogformat zwei Mal wöchentlich einzelne Arbeiten vorgestellt werden. Wir hoffen, die Ausstellung so zumindest virtuell erlebbar zu machen. WENN SIE HIER CLICKEN, WERDEN SIE ZUR AUSSTELLUNGSSEITE STREAMER WEITERGELEITET.

STREAMER – der Titel der Ausstellung führt direkt in die Datenströme unserer Zeit. Ein Streamer sendet. Und er sendet viel, ein Fluss von Daten, der englische Stream, der von etwas Ununterbrochenen ausgeht, Wassermassen, Informationen, unsichtbar. Virtuelle Realität, Künstliche Intelligenz, der Roboter als der bessere Mensch: Die aktuelle Diskussion verlässt in vielen Bereichen die Ebene der Realität, sie sucht das Nicht-Fassbare, und dringt dabei in utopische Räume vor. Wer streamt was? Über und für wen, nach welchen Algorithmen? Latent schwingt das Unbehagen des nicht Greifbaren mit, eine Turn-of-the-Century Ghost Story, bei der hinter dem Bekannten das Monströse und hinter der ersten Realität eine zweite, verborgene lauert. Die Künstler der Ausstellung haben sich dieser zweiten Ebene gewidmet. Sie nehmen das Netz der Datenströme ins Visier und machen sich auf die Suche nach dem Raum, der sich zwischen der virtuellen und unserer Realität öffnet.

Daniel Viers abstrakte Gemälde sind nur vorgeblich stringente Raumkonstruktionen. Fluchtpunkte ändern sich auf halber Strecke, Linien laufen parallel, andere arbeiten mit Zentralperspektive, die in sich wieder gebrochen wird. Matte Flächen ziehen den Betrachter ins Bild, konterkariert durch glänzende, materialsichtige oder metallische Flächen. Der Raum wird zum Experimentierfeld, nur auf den ersten Blick signethaft und eindeutig.

Daniel Vier, Diamont, 2017

Jüngste Arbeiten zeigen streng symmetrische Reliefstrukturen. Hieratisch ragen die großformatigen Bilder über den Betrachter, erinnern an archaische Architekturen. In der blau ausgeleuchteten Installation erhält das pudrige Blau der Oberfläche eine mystische Wirkung, die es dem gegenwärtigen Raum enthebt. Doch was so archaisch wirkt, bezieht sich in Wirklichkeit auf die digital Welt. Die Strukturen, die so haptisch wirken mit ihrem Relief und der pudrigen Farbsubstanz, sind an Computerspiele aus den 80er Jahren angelehnt, der „archaischen Architektur“ von Spielepionieren wie Pacman. Raum ist relativ und das Digitale erobert die dritte Dimension.

Niedlich sind sie, die kleinen Gizmos von Svenja Wassill. Plüschig, kuschelig, unschuldig weiß singen sie ihre Melodie. 11fach. Alles Klone des kleinen Gizmos, Auflage unendlich wie die unendliche Vermehrung des kleinen außerirdischen Monsters aus dem Film – wenn man den Fehler begeht, es mit Wasser in Berührung zu bringen. 11fach die gleiche Melodie, gegenläufig dissonant, ohne Gesicht, ohne Fixpunkt. Sind die fluffigen Plüschwesen wirklich harmlos? Schon die falsche Ernährung kann das süße Wesem im Film in kleine Monster verwandeln. Svenja Wassill transferiert die Ambiguität des Wesens in ihre Arbeit: Droht hinter der gesichtslosen Masse die Gefahr? Vielleicht.

Svenja Wassill, Superlove, Installation 2019

Die zweite Ebene spielt auch in anderen Arbeiten Wassills eine Rolle. Eine Gruppe Lemuren Äffchen kuschelt in der Zwischenwelt des Traumes. Plötzliches kollektives Hochschrecken – irgendetwas muss sie erschreckt haben… Was ist real, ist auf die eigene Wahrnehmung Verlass? Eine Fotografie lässt den Betrachter im Unklaren. Dunkler Schatten, ein Blick um die Ecke – hat die Kamera hier einen Außerirdischen eingefangen? Das so gerne in Dokumentationen verwendete Medium wird mystisch, unklar und rührt im Verborgenen, ein Spiel mit dem Unheimlichen.

Sebastian Neubauer reflektiert in seinen Arbeiten Gesellschaftsbilder, Kulturphänomene, klassische Vorlagen und neue Medien. In MASHUPFORSCHUNGSREISE ist der Name Konzept: Neubauer nutzt die Vielfalt der im Netz einsehbaren Informationen zu einem Mashup der Publizistik. Und überführt dabei zugleich den sich verändernden digitalen Inhalte zurück in die beständige Form des Buches.

Sebastian Neubauer, Longingbirds, Internetserie 2012, Fotoprint

Das Internetprojekt „longing birds“ gibt den Vögeln das Twittern zurück. In der Installation in Langenhagen 2012 nahm eine Kamera, die durch Bewegungsmelder aktiviert wurde, Wellensittiche vor einem GreenScreen in einer Voliere auf. Die Aufnahme wurde mit Ergebnissen aus der Google Bildersuche verknüpft – Sonnenuntergänge, Berglandschaften, Strände: Fotografien, automatisch von Wellensittichen getwittert. „Die Welt muss romantisiert werden. Nur so findet man den ursprünglichen Sinn wieder“ zitiert der Künstler in der Projektbeschreibung Novalis. Ein romantischer Kontrapunkt in einem digitalen Medium, das aktuell eher mit Hate Speech als mit Sehnsuchtsorten von sich reden macht.
Die Onlinewelt richtet sich nach dem Gehalt von Datenströmen aus. Messungen, Analysen, alles scheint nachvollziehbar, gläsern und predictive. Bis zu dem Moment, in dem sich die Ebene dahinter öffnet.