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STREAMER

mit
Sebastian Neubauer, Daniel Vier und Svenja Wassill

 

ACHTUNG: Wegen der aktuellen Situation haben wir ab Anfang Mai geänderte Öffnungszeiten:

 

Die Ausstellung STREAMER ist

bis Ende Mai verlängert

und nun wieder Mittwochs, Freitags und Sonnabends von 14 – 17 Uhr geöffnet.

 

Wir bitten, die allgemeine Maskenpflicht in Läden und den Mindestabstand zu beachten.

 

Bitte besuchen Sie hier auch die Webseite der Ausstellung

Sebastian Neubauer, 1a tradition des images, 2020

Ceci n’est pas une souris steht auf dem Wimpel, den Sebastian Neubauers Micky Maus im Schaufenster der galerie postel hochhält. Eine Anspielung auf Magritte’s „La trahison des images“ (Die Abbildung einer Pfeife, die Magritte zutreffend als „Ceci n’est pas une pipe“ unterschrieben hatte – hier gibt es das Bild zu sehen)

Aber ist es eine Micky Maus? Die Form wirkt fremd, kantiger, länger, weniger rund als das gewohnte Disney-Original. Doch nicht Sebastian Neubauer hat sie verfremdet, es ist die „Micky Maus“ Variante, die in der DDR erhältlich war und die es heute noch auf ebay zu kaufen gibt: Das DDR Modell war in vielen von der Disney Maus abweichenden Farben erhältlich. Sebastian Neubauer hat ihr die Farben, die das Disney Modell trug, gegeben. So assoziiert der Betrachter die Disney Maus, und stolpert dabei umso mehr über die fremde Form.

Es ist kein Lächeln (mich persönlich erinnert es auch immer an den Calvin und Hobbes Comic-Streifen „That was a smile! I smiled!“ von Bill Watterson…), es ist keine Pfeife und es ist v.a. auch keine Micky Maus. Was ist echt, was ist unecht? Eine Frage, die sich nicht erst heute stellt, was Magritte’s Beitrag zur Bilddiskussion – ein Abbild wird nicht die Funktion der Originalpfeife übernehmen – beweist.

Es ist aber eine Frage, die sich einer Zeit der Fake News mit dringlicher Notwendigkeit stellt. Tools können heute schon Gesichter in Videochats durch andere Gesichter ersetzen. Als Elon Musk an einer Videokonferenz teilnehmen – kein Problem. Jedenfalls nicht für den, der sich dafür entscheidet. Für Elon Musk und seine Persönlichkeitsrechte vielleicht, für alle, die ihn für das Original hielten, auch.

Und welche Tradition konterkariert Sebastian Neubauers Micky Maus eigentlich? Die der Disney Maus, die des Umgangs in Ost und West mit den Symbolfiguren und Kunsttraditionen des jeweils anderen Teils der Welt während der Teilung oder nach dem Mauerfall? Jene Magrittes? Der Appropriation Art? „1a tradition des images“ touchiert die verschiedenen Ebenen von Kunstreflexion und den Auswirkungen der Ost-West-Teilung und bringt uns zugleich das Thema des Fake näher, das heute so aktuell wie selten zuvor ist.

Sebastian Neubauer, Chimora (Bruna) 2019

Sebastian Neubauer, Chimora (Bruna), 2019

Der heutige Post zeigt eine von Sebastian Neubauers Chimären. Ursprünglich aus der griechischen Mythologie stammend bezeichnet der Begriff ein Mischwesen aus Löwe, Ziege und Schlange, ein feuerspeiendes Ungeheuer, dass eine Gefahr für Mensch und Tier darstellte.

Auf einer rosafarbenen Blüte auf glitzerndem Untergrund haben sich in Neubauers Objekt Chimora (Bruna) ein Frosch, ein Skorpion, ein Grashüpfer und schwarze Vogelschwingen versammelt. Doch das Miteinander ist nicht friedlich – sind die Grashüpferbeine Teil des Skorpions? Woher stammen die Schwingen? Und hat der Skorpion die Kontrolle über die anderen Wesen?

Der Frosch jedenfalls scheint – im Gegensatz zu den üblichen Chimärendarstellungen – nicht Teil des Skorpionkörpers zu sein, sondern dem Insekt den Kopf abzubeißen. In der Fabel vom Frosch und Skorpion ist der Frosch das Opfer, der – trotz seiner Hilfsbereitschaft und obwohl dann beide Wesen sterben werden – vom Skorpion vergiftet wird. Neubauer scheint die Opfer-Täter-Rolle umzukehren.

Sebastian Neubauer, Gilbhart, 2013, Druck (mehrfarbig), Feder, Regenbogenfolie, Übertragungsfolie

Sebastian Neubauer, Chimäre, Grafik, 2013

Sebastian Neubauer, Chimäre, Grafik, 2013

Sebastian Neubauer, Chimäre, Grafik, 2013

Sebastian, Neubauer, Daymion h'Urs – The Extra Queen, 2013, Druck (mehrfarbig), Glitzerfarbe, Goldschrift

Sebastian Neubauer, Chimäre, Grafik, 2013

Mit Chimären hatte Sebastian Neubauer sich bereits in einer Grafikserie auseinandergesetzt, die 2013 z.T. in Zusammenarbeit mit Gunter Gräfe enstand. Sie waren in der Soloausstellung von Sebastian Neubauer in der Galerie 2015 zu sehen und zeigen u.a. Schafe mit Löwenpranken und Hasen mitAsselextremitäten. Silbernes Stickgarn, Glitzerlack oder Federn sind nur einige der Materialien, die Neubauer in seinen von Hand überarbeiteten Grafiken verwendet.

2018 steuerte Neubauer erste Chimären in Objektform zur Ausstellung “Der Bildung” bei: Giraffenkörper trugen fototechnische Elemente als Kopf und in einer Mausefalle pochte ängstlich ein kleines Herz. (Im Hintergrund auf dem Bild die Grafiken, beides in der aktuellen Ausstellung nicht gezeigt, hier ermöglicht der digitale Raum eine Erweiterung des Ausstellungsraumes).

In dieser Tradition steht auch Chimora (Bruna), in der die Monströsität trotz rosafarbener Blüte und Glitter angelegt ist. Und das mehr noch als in vielen anderen Chimären, die jede für sich zwar bedrohliche Elemente enthielten, diese jedoch erst im Detail offenbarten. Anders bei Chimora (Bruna) – denn welches Element dieses Wesens ist wirklich harmlos? Wir wenden uns mit Grauen…

Ausstellungsansicht “DER BILDUNG”, galerie postel, 2018

Daniel Vier, Diamont, 2017

Daniel Vier, Distrikt, 2017

Daniel Viers Arbeiten “Diamont” und “Distrikt” von 2017 sind in der Galerie übereinander gehängt und sollen auch hier gemeinsam vorgestellt werden: Beide im gleichen Format (130 x 110 cm), beide in den gleichen Materialien Silberlack und Acryl auf Leinen, sind sie – bei allen Unterschieden – eindeutig miteinander verwandt.

Wie schon das “Place of No Pity”, das in einem früheren Post beschrieben wurde, spielen sie mit der Bildperspektive. Diamont mit seinem signet-artigen Charakter ist dabei nur scheinbar eindeutiger als Distrikt, das den Betrachter endgültig in ein Eschersches Raumverwirrspiel zieht, bei dem oben und unten auseinander zu entstehen scheinen und ineinander münden.

Während der signetartige Pfeil bei Diamont noch zweidimensional wirkt, scheinen auf einer Bildseite Linien zu einem gedachten Punkt zentralperspektivisch zusammenzulaufen. Doch die Perspektive ist verzerrt, der kritische Blick offenbart unterschiedliche Perspektiven für die verschiedenen Linien und manche Linie bricht auf halber Strecke ab.

Wird der Blick nun in das Bild hineingeleitet, wie es die Zentralperspektive eigentlich vorsieht? Oder bleibt er auf der zweidimensionalen Oberfläche wie das flächig angelegte Signet? Das wiederum als Pfeil auf die Zentralperspektive verweist? Die Farbigkeit setzt dieses Verwirrspiel fort: während die matten Acrylfarben dem Blick Tiefe ermöglichen, reflektiert der Silberlack das Licht und damit den Blick, der so auf der Oberfläche bleibt.

 

Sebastian Neubauer, Internetprojekt “longingbirds”, 2012

Installation in der galerie postel, STREAMER, 2020

Die longing birds im Internet vorzustellen, ist ein weiteres Absurdum der Online Situation, denn in der Galerie macht der QR Code, mit dem man sich mit dem Twitter-Account der longing birds verbinden kann, einen Teil des Charms der Installation aus: Offline und Online werden verknüpft, wie schon die Wellensittiche sich über das Internet mit der großen weiten Welt verbunden haben.

Und das Projekt „longing birds“ heute vorzustellen, zeigt auch, wie unterschiedlich der Blick auf Kunst – und damit ihre Interpretation – ausfallen kann, abhängig von der Situation, in der sich der Betrachter befindet.

Als ich (Claudia Postel – die Textautorin) dieses Projekt das erste mal sah, fand ich den ironischen Kommentar auf unser Social Media Verhalten unglaublich spannend: Da sitzt eine Gruppe Vögel in einer Voliere in Hannover Langenhagen, weit entfernt von den Traumorten, welche die Hintergrundfotos vorgaukeln, und doch nie in der Lage, diese zu erreichen.

Die scheinbaren Traumbilder sind ein “Fake”: Eine mit einem Bewegungsmelder ausgestattete Kamera vor einem Greenscreen reagiert auf die Bewegung der Vögel vor dem Objektiv, ein Algorithmus generiert dazu Bilder aus einer australischen Version von Google, die mit Suchbegriffen wie “Berge”, “Traumstrand” etc. verknüpft wurden, und twittert das Ergebnis.

Sind diese Bilder deswegen weniger echt, als die z.T. aufwändig nachbearbeiteten Selfies, die so viele von Orten twittern, die sie z.T. nur wegen der Selfie-Spots besuchen?

Heute, am 5. April 2020, sind wir alle aufgrund der Ausnahmesituation in unserem Bewegungsradius eingeschränkt. Für Südseestrände mit Sonnenuntergang bräuchten wir alle einen Greenscreen. Und plötzlich tritt ein anderer Aspekt der Arbeit deutlich hervor: Die Sehnsuchtsorte, unser Bild von dem perfekten Moment, den es lohnt, mit der Welt zu teilen.

Die longing birds twittern nicht mehr, aber ihre Posts gibt es immer noch auf Twitter nachzulesen: https://twitter.com/longingbirds . Die Auswahl der Bilder, die gerahmt in der Galerie hingen, zeigt das oberste Bild dieses Posts. Sie gibt es seit dieser Ausstellung in einer Auflage von 3+1 zu kaufen – ebenso wie jedes andere der 2428 Motive, welche die Vögel während des Projektes auf Twitter veröffentlicht haben… (Fragen Sie uns gerne!)