Katharina Kohl

Personalbefragung / Blickraum Innere Sicherheit

9. Februar bis 7. April 2018

Installationsansicht Personalbefragung - Katharina Kohl, galerie postel, 2018

Der Auslöser

Es ist fast 17 Jahre her, dass am 27. Juni 2001 in der Nähe von Katharina Kohls damaligem Atelier Uwe Mundlos und Uwe Böhnhard Süleyman Taşköprü in seinem Gemüseladen erschossen. Auch zehn Jahre später lagen die Umstände der Mordserie noch im Dunkeln und als Anfang 2012 der ehemalige Präsident des Verfassungsschutzes Peter Frisch in einem desaströsen Auftritt in einer Talkshow von Günther Jauch die Arbeit des BfV kaum erklären konnte, fragte sich Katharina Kohl, was für Menschen hinter dem Verfassungsschutz und den Ermittlungen zur NSU stehen. Eine Frage, die sicher durch die zweifelhaften Umstände bei den Untersuchungen zum Brand ihres Kunst-Imbiss am Osdorfer Born im Jahr 2011 mit bestärkt wurde. Die Serie Personalbefragung ist das Ergebnis ihrer Untersuchung.

  • Katharina Kohl, Personalbefragung 2012–18 Vierzig Aquarelle auf Bütten à 52 x 37 cm in 4 Archivkästen aus Eichenholz mit Bildschubern - hier: Temme

    Katharina Kohl

    PERSONALBEFRAGUNG 2012–18

    Vierzig Aquarelle auf Bütten (hier: Temme)

    à 52 x 37 cm

    in 4 Archivkästen aus Eichenholz mit Bildschubern

  • Katharina Kohl, Personalbefragung 2012–18 Vierzig Aquarelle auf Bütten à 52 x 37 cm in 4 Archivkästen aus Eichenholz mit Bildschubern - hier: Hanning

    Katharina Kohl

    PERSONALBEFRAGUNG 2012–18

    Vierzig Aquarelle auf Bütten (hier: Hanning)

    à 52 x 37 cm

    in 4 Archivkästen aus Eichenholz mit Bildschubern

  • Katharina Kohl, Personalbefragung 2012–18 Vierzig Aquarelle auf Bütten à 52 x 37 cm in 4 Archivkästen aus Eichenholz mit Bildschubern (hier: Schwarz)

    Katharina Kohl

    Personalbefragung 2012–18

    Vierzig Aquarelle auf Bütten (hier: Schwarz)

    à 52 x 37 cm

    in 4 Archivkästen aus Eichenholz mit Bildschubern

Die Methode

Über fünf Jahre beobachtete Katharina Kohl die Untersuchungsausschüsse. Sie verfolgte die Berichterstattung in den Medien und im Internet und sammelte Eindrücke von Personen, die im Ermittlungskontext Verantwortung trugen. Aus dem Gedächtnis entstanden auf dem nassen Papier – d.h. in einem eng bemessenen Zeitraum, in dem das Papier noch die Nässe bewahrt – Bildnisse. Katharina Kohl vermeidet dabei bewusst den Porträtbegriff, denn die Arbeiten transportieren weit darüberhinausgehend Greifbarkeiten, Eindrücke und auch das sich Entziehen von Personen. Die Technik des Aquarells lässt dabei keine nachträglichen Korrekturen zu. Wenn Kohl mit dem Ergebnis unzufrieden war, fertigte sie eine neue Version, bis sie zu einem „gültigen“ Ergebnis kam. Dabei versuchte sie persönliche Wertungen zu vermeiden, verwarf ihr zu wertend erscheinende Arbeiten und wählte Personen nicht nach Schuldfragen aus, sondern nach der Frage des Bildmaterials, der Abdeckung inhaltlicher, institutioneller und regionaler Bereiche sowie der Zuständigkeiten der Personen. Der intensive Arbeitsprozess im nassen Aquarell ist dabei auch für Katharina Kohl selbst Teil des Erkenntnisgewinns.

Das Archiv

Mit dem Archiv hat die Serie von vierzig Aquarellen ihre endgültige Form gefunden. Das Archiv systematisiert die Serie, bewahrt sie und macht sie einer Öffentlichkeit zugänglich. Mit der vergebenen Nummerierung hat der Betrachter die Möglichkeit, gezielt Personen „nachzuschlagen“ und einzeln zu betrachten. In seiner vorgegebenen Form bildet es einen geschlossenen Rahmen, der die Bildnisse einem Kontext zuordnet – dem des Personals der Inneren Sicherheit – und als abgeschlossene Untersuchung kennzeichnet.

Ein Archiv verlangt nach Interaktion: Wer nur vor den Schubern steht oder vorbeigeht, dem erschließt sich ihr Inhalt nicht. Wer aber einen Rahmen herauszieht, nimmt ihn in die Hand, kommt physisch in Kontakt mit der Arbeit und fordert das Bild heraus. Er tritt in einen bilateralen Dialog mit der Arbeit in einer Nähe und Unmittelbarkeit, die eine Wandhängung nicht ermöglicht hätte.

Befördert wird diese Unmittelbarkeit durch das fehlende Glas vor den Bildern: Ungehindert wird der Blick frei auf Farbe und Papier, wie es von der Künstlerin intendiert ist. In den Rahmenschubern sind die Aquarelle dennoch vor Licht geschützt, dem sie nur in zeitlich begrenzter Betrachtung preisgegeben werden.

Archive sind Orte der Forschung und des Bewahrens. So verhindern sie das Vergessen und fördern das Lernen. Der Erkenntnisgewinn, den die Künstlerin für sich selbst in ihren Arbeiten gewonnen hat, dient als Ausgangspunkt für zukünftige Erkenntnisse, wird für weitere Forschung zugänglich gemacht und bewahrt.

  • Gedächtnislücke 19_134, 2017–18 Auflage 10 Laserdruck, Handdruck mit Federfarbe der VEB Halle, à 29,7 x 21 cm

    Katharina Kohl

    GEDÄCHTNISLÜCKE 19_134, 2017–18

    Auflage 10

    Laserdruck, Handdruck mit Federfarbe der VEB Halle,

    à 29,7 x 21 cm

  • Katharina Kohl, Gedächtnislücke 64_41, 2017-18, Auflage 10 Laserdruck, Handdruck mit Federfarbe der VEB Halle, à 29,7 x 21 cm2017-18

    Katharina Kohl

    GEDÄCHTNISLÜCKE 64_41, 2017-18

    Auflage 10

    Laserdruck, Handdruck mit Federfarbe der VEB Halle,

    à 29,7 x 21 cm

  • Katharina Kohl, Netto, 2018 Auflage 10 Laserdruck mit Ausstanzungen 27,5 x 19,5 cm

    Katharina Kohl

    NETTO, 2018

    Auflage 10

    Laserdruck mit Ausstanzungen

    27,5 x 19,5 cm

Die Gedächtnislücken

Es ist schon erstaunlich, wie viele Formulierungen sich dafür finden lassen, dass man etwas nicht mehr mitteilen kann oder möchte. Gedächtnislücken – oder die in einem der Texte wörtlich erwähnte „Erinnerungslücke“ – durchziehen wie eine Spur aus Löchern die Protokolle der Untersuchungsausschüsse zur NSU Mordserie. Entsprechend der vierzig Aquarelle der Personalbefragung hat Katharina Kohl vierzig „Lücken“ für die Präsentation in der galerie postel ausgewählt.

Seitenweise hängt sie Kopien der Protokolle an die Wände, jedes geschwärzt bis auf den Ausschnitt, der die Gedächtnislücke zeigt. So tritt aus dem Dunkel der Protokolle in ironischer Umkehrung der Fakten einzig die Lücke leuchtend hervor, während die Aussagen, die Klarheit bringen sollten, im Dunkeln der Druckschwärze verschwinden, geschwärzt wie die Namen von verdeckten Ermittlern. Aktenordner und Schwärzungen evozieren Bilder von geschredderten Unterlagen, geschwärzten Berichten und den Bergen an Papier, die am Ende doch viele wichtige Fragen im Dunkel lassen.

Katharina Kohl - Blickraum Innozenz, 2009, Aquarell auf Bütten, 42 x 55 cm, verso datiert und signiert

Der Blickraum

Innozenz X., dessen Porträt von Velazquez Katharina sich seit 1994 immer wieder vorgenommen hat und das 2009 schließlich seine derzeit gültige Form fand, bildet das Zentrum eines Exkurses zu Kohls Velázquezstudien. An seinen Bildern erprobte sie das Konzept vom Blickraum, der Präsenz einer Person im Bild. Stechend und intensiv wirkt der Blick Innozenz’, der den Betrachter zu durchlöchern scheint, und doch schwingen bei näherer Betrachtung Unsicherheiten mit. Auch die Hofnarrenporträts von Velázquez dienten ihr als Studienobjekte, weniger ausgearbeitet als das vielschichtige Innozenz-Porträt fangen sie mit schnellem Strich doch Stimmungen und Persönlichkeiten ein. Helligkeiten, Flüchtigkeiten halten andere Eindrücke fest als der detailgenaue Papst und spiegeln so die Vielschichtigkeit der Interpretation Kohls von Persönlichkeiten, wie sie auch in der Personalbefragungsserie zum Ausdruck kommt.